

Story: Jo (Zo In-sung) arbeitet für den südkoreanischen Geheimdienst. Nachdem er es nicht rechtzeitig geschafft hat, eine seiner Informantinnen lebend zu extrahieren, macht er sich Selbstvorwürfe und leidet unter Schuldgefühlen. Sein neuester Auftrag ist es nun, einen Drogenring zu sprengen, der um Wladiwostok herum agiert. Die russische Mafia fängt mithilfe des nordkoreanischen Geheimagenten Hwang (Park Hae-joon) junge Frauen ab, die glauben, über Russland und dann China nach Südkorea geschmuggelt zu werden. Tatsächlich werden sie jedoch mit Drogen gefügig gemacht und verkauft. Hwangs Deals sind von der nordkoreanischen Führung aber nicht autorisiert. Als der nordkoreanische Geheimagent Park Geon (Park Jeong-min) bei Hwang vorbeischaut, um ihn unter die Lupe zu nehmen, trifft er auch zufällig Chae Seon-hwa (Shin Se-kyung) wieder, seine frühere Verlobte, die eines Tages einfach verschwunden ist. Chae ist wiederum eine Informantin für den südkoreanischen Geheimdienst, wobei sie als Bezahlung Medikamente für ihre kranke Mutter in Nordkorea bekommt. Jo leitet die Mission und erhofft sich, über Chae mehr Informationen zum Drogen- und Menschenhandelring zu erhalten. Sehr bald wird das Spionagespiel für alle Beteiligten aber sehr gefährlich ...

Kritik: "Humint" ist für Netflix eine ziemlich sichere Sache, denn wer schaut sich nicht gerne Spionage-Thriller an? Bei dem Regisseur handelt es sich dann auch um niemand Geringeren als Ryoo Seung-wan, der zuletzt mit "I, the Executioner" einen schönen Actionthriller abliefern konnte und natürlich ein Veteran des Genres ist. Der Auftakt des Films verspricht auch in der Tat schöne Action. Aber leider macht sich danach eine lange Durststrecke breit. Die Geschichte will aus zwei Perspektiven erzählt werden, was auch eine gute Idee ist, nur leider bleibt die Story überraschend flach. Dazu kommt noch ein Tempo, das harsch ausgedrückt fast schon einschläfernd ist. Während es zudem angenehm ist, auch einen Antagonisten zu haben, der letztlich das gleiche Ziel wie unser Held verfolgt, bleiben die Charaktere an sich recht farblos. Es braucht also das (glücklicherweise lange) Finale, damit der Film überhaupt noch interessant wird. Das ist doch um einiges weniger als ich mir erhofft hatte.

Ein weiterer störender Faktor ist die Zweigeteiltheit des Films. Die Spionagegeschichte nimmt sich Zeit, um in Fahrt zu kommen; mit dem kleinen Problem, dass sie gar nicht wirklich Fahrt aufnimmt. Da gibt es dann Szenen in einem Restaurant, in dem vielsagende Blicke ausgetauscht und nachdenklich ins Leere gestarrt wird, unzählige Bilder von Überwachungskameras werden angestiert und Hintergründe wie die von Seon-hwas krebskranker Mutter werden immer wieder ausgebreitet. Tiefe verleiht das den Charakteren leider nicht. Nachdem klar ist, dass Seon-hwa und Geon früher verlobt waren, passiert auf dieser Ebene nicht viel mehr. Wir sollen einfach glauben, dass die Gefühle von damals noch auf verschüttete Art vorhanden sind. Welcher Art genau, das ist unklar. Genauso wenig bekommen wir echte Chemie zwischen den vermeintlich Verliebten zu spüren. Weil die Romanze auch ein Motor der Geschichte ist, zumindest für den Antagonisten, zeigt sich hier ein erheblicher Mangel der Story, der vermeidbar gewesen wäre. Da ist Jos simpler Motivator, nicht schon wieder eine Informantin zu verlieren, fast schon besser.

Das große Problem ist aber eben das gemächliche Tempo, mit dem alles an seinen Platz befördert wird. Die Geschichte ist aber überhaupt nicht so intelligent, wie sie versucht zu erscheinen, selbst wenn es sich um keinen Spionage-Thriller handeln würde. Aber Ryoo bewegt sich eben in diesem Genre und da erwartet man ein paar mehr Wendungen, atemraubende Situationen, in denen alles auf dem Spiel steht, und Charaktere, bei denen wir nicht einschätzen können, wo ihre Loyalität liegt. Alles das gibt es hier nicht. Und dann kommt es zum großen Finale, was uns zur angesprochenen Zweigeteiltheit des Films bringt. Bei der Action macht niemand dem Regisseur etwas vor. Die kann er einfach und da gibt es nichts zu beanstanden. Das Finale sorgt aber dafür, dass sich der Rest des Films, der eben die Hauptlaufzeit ausmacht, wie eine einzige Einleitung anfühlt und durch das hohe Tempo gegen Ende retrospektiv noch langatmiger anfühlt, wie ein Fremdkörper oder schlicht eine andere Geschichte, die nur die gleichen Charaktere im Fokus hat.

Ein paar Worte möchte ich aber doch noch zur Action verlieren, schließlich handelt es sich um die einzige Stärke des Streifens. Den Anfang macht eine waffenlose Auseinadersetzung, an die qualitativ im Finale nicht mehr herangekommen wird. Dafür gibt es am Ende aber etliche Schießereien und die sind mit der nötigen Intensität eingefangen und einem gewissen taktischen Vorgehen, sodass es sich nicht wie stupides Geballer anfühlt. Plötzlich steht auch endlich etwas auf dem Spiel. Fängt man sich eine Kugel ein, könnte das hier tatsächlich tödlich enden oder hat zumindest Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Geschehnisse - anders also als bei den Actionstreifen, die heutzutage noch immer das 80er-Kino nachahmen (auch wenn dagegen nicht unbedingt etwas zu sagen ist, solange die Action stimmt). Ein paar Kniffe bei der Regie, bei denen etwas Innovation gezeigt wird, beispielsweise bei einer Blendgranate, sowie gute Ideen beim taktischen Vorgehen, als Jo zum Beispiel hinter sich schnell die Lichter ausschießt, um nachrückenden Gegnern einen Hinterhalt zu stellen, können wirklich gefallen.

Die Geschichte beinhaltet neben den genannten Schwächen aber leider auch einige Logikfehler. Überall scheint es Überwachungskameras zu geben und beide Parteien scheinen sich darüber im Klaren zu sein, schließlich beschattet man sich gegenseitig mit diesen. Trotzdem gibt es unzählige Szenen, in denen die Personen erschreckend unvorsichtig sind. Schon zu Beginn, als die Informantin panisch losweint und schreit, obwohl es keinen echten Grund dafür gibt und sie damit ihren eigenen Untergang herbeibeschwört, wird uns aber klar, dass die Geschichte lediglich bestimmte Puzzleteile an ihren Platz setzen will. Zo In-sung ("Escape from Mogadishu") kann mit dem, was ihm das Drehbuch liefert, leider keine erinnerungswürdige Rolle spielen, Park Jeong-min ("The Ugly") hat aber wenigstens den Flair eines Antihelden, dessen Liebe ihn gegen seine Ideologie handeln lässt. Das ist immerhin etwas. Alles in allem ist "Humint" ein Spionage-Thriller, der nur 90 Minuten hätte laufen dürfen. Es scheint so, dass Ryoo Seung-wan seinen Film künstlich auf zwei Stunden hochgeschraubt hat, weil ein guter Film in seinen Augen eben mindestens so lang sein muss. Als Genre-Werk ist der Streifen aber eine Enttäuschung. Action-Fans werden bis zum Finale durchhalten müssen, werden dann aber wenigstens für ihre Geduld belohnt. Ein rundes Erlebnis ist das damit aber nicht.
