

Story: So-eun (Kang Seo-ha) sucht den Privatdetektiv Joon-kyeong (Kim Min-kyu) auf, der ihm von ihrem vorigen Privatdetektiv empfohlen wurde, da er sich hervorragend mit Computern auskennt und durch seine Hacking-Kenntnisse an fast jede Information herankommt. Er hört sich widerwillig So-euns Aufrag an, um gleich darauf abzulehnen. Ji-eun (Park Yulli) war die Schwester von So-eun und hat sich das Leben genommen. Die Polizei hat sich die näheren Hintergründe nicht angesehen, aber So-eun weiß, dass ihre Schwester durch Mobbing in den Tod getrieben wurde. Der Detektiv will den Auftrag nicht annehmen, da er für ihn zu leicht ist. Er müsste lediglich die IP-Adresse zurückverfolgen, die im Online-Forum vom Poster genutzt wurde, der für das Mobbing hauptsächlich verantwortlich ist. So-eun weiß nun nicht mehr, an wen sie sich noch wenden soll, da meldet sich Joon-kyeong wieder bei ihr. Er nimmt den Auftrag doch an, da er sich als gar nicht so einfach wie gedacht herausstellt. Der Mobber wusste, wie er seine Spuren online verwischen kann, überdies hat der Detektiv herausgefunden, dass zwei Personen hinter den Mobbing-Angriffen stecken. Eine Spur hat der Detektiv bereits. Die Mobber müssen das Opfer gut gekannt haben und so bleiben nur Ji-euns Mitschüler als Verdächtige. Der Detektiv und So-eun statten der Schule einen Besuch ab und bringen unerwartete Wahrheiten ans Tageslicht ...

Kritik: Ich gebe gerne auch mal kleineren Filmen ein Chance, will dabei aber nicht unbedingt immer in die Richtung der gemächlichen Art-House-Dramen blicken müssen. Da bietet sich ein Film wie "Second Sister" an. Er wirkt etwas kleiner und persönlicher, vielleicht auch wegen all der Nahaufnahmen, fast so, als wäre er nur um ein Haarbreit nicht mit einer Handkamera gedreht worden. Das Budget von "Second Sister" war eindeutig nicht hoch, doch die meiste Zeit weiß der Film das zu verschleiern. Die Prämisse selbst, in der es sich um Cyber-Mobbing und Selbstmord dreht, ist keineswegs originell, Filme wie "Thread of Lies" oder "Brave Citizen" haben sich mit dem Thema schon ausgiebig beschäftigt und so war ich etwas skeptisch, ob ich hier wirklich etwas Interessantes an der Geschichte finden kann. Es sieht auch zunächst nicht so aus, da viele "Klischees" des Mobbings in den Vordergrund rücken, die aufgrund der Befragungen wenig originell präsentiert wirken. Aber zum Glück gibt es da ein paar schräge Charaktere und ebenso Wendungen, die einen in den Film ziehen können.

Auf die Vorstellung ungewöhnlicher Individuen müssen wir auch nicht lange warten, es beginnt schon mit unserer Protagonistin, dass wir ein paar eigenartige Charaktereigenschaften ausmachen können. Sie klingelt wild an der Tür des Detektivs und zeigt damit ihre ungemeine Ungeduld, während sie uns schon darauf vorbereitet, dass sie sich kaum um die Belange anderer kümmert, um nicht zu sagen, egoistisch ist. Da ist sie bei Joon-kyeong aber genau an der falschen Adresse, denn der kümmert sich kaum um so etwas, könnte gar als sozial wenig umgänglich bezeichnet werden, vermag es aber, bei seinen Ermittlungen ein ganz anderes Bild zu schaffen, wenn es eben darum geht, Informationen zu beschaffen. Für einen faszinierenden Fall schlüpft er also gerne mal in die Rolle eines eigentlich ganz liebenswürdigen Typen. Der Film macht keinen Hehl daraus, dass Joon-kyeong in die Fußstapfen niemandes Geringeren als Sherlock Holmes treten will und es wirkt gar, als wäre er diesem in seinen Ermittlungsfähigkeiten kaum unterlegen. Zumal er diesem herausragende Kenntnisse im Hacken voraus hat.

Passend dazu gibt es auch einige technische Spielereien, die gelungen sind, auch wenn die Glaubwürdigkeit nicht immer im Vordergrund steht. So hackt sich Joon-kyeong in so gut wie jede Kamera, was in Korea besonders hilfreich ist, da diese an jeder Ecke angebracht sind, eben auch in Schulgebäuden. Aber dass diese auch in Privatwohnungen vorzufinden sind, ist dann wohl doch nur der Notwendigkeit, die das Drehbuch vorgibt, geschuldet. Daneben gibt es aber auch ein Gadget, dass auf die Entfernung gezielt Töne auf jemanden übertragen kann, sodass die betreffende Person glauben muss, sie höre stimmen im Kopf. Wozu das aber? Zunächst steht natürlich im Zentrum, die Identität des Mobbers bestimmen zu können, worauf sich ein Großteil der Geschichte konzentriert, aber danach geht es darum, wie So-eun Rache an dieser Person nehmen kann. In gewisser Hinsicht handelt es sich bei "Second Sister" also auch um einen Rachethriller, in dem auf gar nicht mal so üble Art hinterfragt wird, was einem Rache wirklich bringt, und dabei auch die Frage der Schuld etwas komplexer betrachtet.

In diesem Kontext hat mir Joon-kyeong gefallen. Er versucht nicht, So-eun von ihrem Vorhaben abzubringen, und sieht sich selbst lediglich als Werkzeug. Am wichtigsten ist ihm aber die Wahrheit, weshalb er auch nicht darauf verzichtet, seiner Klientin den Spiegel vorzuhalten. Immer wieder verheimlicht er dieser auch wichtige Informationen, hat aber stets Gründe, warum er ihr diese erst später mitteilt. Als Zuschauer kann man aber dennoch nicht umhin, als zu rätseln, ob er vielleicht auf seine ihm eigene Weise versucht, So-eun von ihrem Racheplan abzubringen, sie gar manipuliert. Andererseits kann man sich bei ihm auch vorstellen, dass er gar keinen moralischen Kompass besitzt. Das ist ein unerwarteter Spannungsfaktor in diesem Drama. Demgegenüber ist So-eun nicht so gut ausgearbeitet, auch wenn sie ein paar Ecken und Kanten spendiert bekommen hat. Die beiden Hauptdarsteller haben bisher vor allem in Dramen Erfahrung gesammelt und wirken generell solide, können aber ihren Charakteren nicht immer die Farbe verleihen, die ihnen zugestanden hätte. Auch wenn Kang Seo-ha die weniger interessante Persönlichkeit spielt, macht sie hier einen etwas besseren Job als ihr Kollege.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Chan Ho-Kei, der sowohl ins Englische als auch Deutsche übersetzt wurde. Regisseur Shin Jai-ho ("100 Days With Mr. Arrogant") erzählt das Thriller-Drama mit einem guten Tempo, selbst bei den Vernehmungen wird durch passenden Soundtrack Geschwindigkeit erzeugt und man weiß zudem nicht, welche neue Information das ganze Bild neu zusammensetzen könnte. Es gibt auch einen immer wieder eingeblendeten Chatverlauf, bei dem wir lange nicht wissen, wie die Identität der Chattenden aussieht. Dann wird bei mehreren Gelegenheiten ein Interview durch eine Reporterin zwischengeschaltet, bei dem im Verborgenen bleibt, wer da eigentlich interviewt wird. Nicht zuletzt führt uns die Geschichte auch immer wieder auf die falsche Fährte, wie es sich für einen Thriller gehört. Allerdings konnte mir der Epilog nicht zusagen, da er tonal nicht zum Rest des Films passt. Darüber hinaus bleiben die Charaktere etwas kühl, ich habe ein wenig die Chemie zwischen ihnen vermisst und die Thematik der Geschichte hätte mehr Tiefe verdient. Ab und an bewegt sich "Second Sister" bezüglich letzteren Aspekts in die richtige Richtung, aber es ist zu selten, als dass man eine absolute Empfehlung aussprechen könnte. So bleibt der Film hauptsächlich etwas für Fans des Genres.
