

Story: Long (Chang Chen) ist ein Profikiller. Direkt nach dem erfolgreichen Abschluss seines letzten Auftrags bekommt er einen weiteren Job. Diesmal muss er nach Japan, um dort ein hohes Bandenmitglied der Yakuza auszuschalten. Allerdings begeht er einen Fehler und wird von den Gangstern gefangengenommen. Durch ein paar glückliche Umstände gelingt es ihm, zu fliehen. Die Gangster haben aber seinen Pass zerstört und ihm alle Habseligkeiten abgenommen. Darüber hinaus hat Long auch noch einen Streifschuss abbekommen und ist verletzt. Er kommt in einer verlassenen Siedlung unter, in der es etliche leerstehende Häuser gibt. Dort hilft ihm der kleine Junge Jun (Bai Run-yin), indem er ihm Kleidung und Verbandszeug sowie etwas zu essen bringt. Jun versteht sogar seine Sprache, weil seine Mutter aus Taiwan kommt. Letzten Endes lernt Long auch dessen Mutter Lily (Yao Yiti) kennen, die ein Junkie ist und ihren Sohn vernachlässigt. Long setzt sie auf kalten Entzug. Derweil trifft Long beim Kochen im Freien zufällig einen alten Mann. Der Mann probiert von der einfachen Mahlzeit und ist begeistert von Longs Kochkünsten. So kommt es, dass er für einige Ortsansässige bei einem großen Essen kochen muss, die ihn dafür bezahlen und ihm helfen, sich in seiner Wohnung einzurichten. Zudem finden sie für ihn auch eine Möglichkeit, seinen eigenen Lebensunterhalt als illegal Eingewanderter zu bestreiten. Long lässt sich wegen der Sprachbarriere treiben, hofft aber darauf, mit dem nächsten Schiff wieder nach Taiwan zu kommen. Doch dann ist da noch der nicht erfüllte Auftrag ...

Kritik: Oft ist es die Bequemlichkeit, die einen bei der Filmwahl zu einer Entscheidung treibt. So auch im Falle von "Mr. Long", der auf Amazon-Prime läuft. Da ich auch schon länger nicht mehr Chang Chen in einem Film gesehen habe und dazu auch noch Sabu auf dem Regiestuhl sitzt, dessen letzter von mir gesichteter Film "The Blessing Bell" sein dürfte, fiel die Wahl also auf dieses Gangsterdrama, das im Kern keine weltbewegende Geschichte behandelt, aber mit seinen Charakteren und der Atmosphäre seine ganz eigene Welt aufbauen kann. Wegen der Sprachbarriere gibt es auch nicht allzu viel klassische Kommunikation - stumm sind die Charaktere jedoch auch nicht, wie es bei manchen Art-House-Streifen der Fall sein mag -, aber irgendwie versteht man sich dann durch Handlungen und die jeweilige Situation doch. "Mr. Long" handelt eigentlich von einem in Japan gestrandeten Profi-Killer, der mehr oder weniger seine Zeit absitzt, bis er mit dem nächsten Schiff wieder nach Hause kann. Dabei berührt er aber das Leben anderer und diese Menschen wiederum ändern auch seine Sicht auf die Welt langsam aber stetig. Die große Frage dabei ist natürlich, ob Long eine neue Lebensperspektive finden kann.

Genauso wahrscheinlich ist es jedoch, dass der Killer von seiner Vergangenheit eingeholt wird und seinen früheren Pfad erneut beschreiten muss. Diese beiden Optionen erzeugen eine gewisse Spannung, die uns auch durch die langsameren Szenen trägt. Und von denen gibt es nicht wenige, was auch als Kritikpunkt nicht unerwähnt bleiben darf. Unentwegt verharren wir bei augenscheinlich unwichtigen Szenen, es gibt sogar ein traditionelles Theaterstück, das von Amateuren aufgeführt wird (mehr oder minder die "Nachbarn", die Mr. Long adoptiert haben). Man muss also damit zurechtkommen, dass jene Szenen von Sabu immer wieder genutzt werden, um Atmosphäre zu kreieren. Man mag es anfangs vielleicht nicht vermuten, aber es zahlt sich am Ende auf jeden Fall aus, denn da kann der Film erstaunlich emotional und nahegehend werden. Überhaupt weiß man nie so ganz, was als nächstes passiert. Die Einleitung mit dem überaus brutalen Einsatz eines Messers als Mordwaffe lässt keinen Zweifel daran, dass wir irgendwann nochmal ähnliches bekommen werden, und das steht im starken Kontrast zu dem Drama, das sich bis dahin auf dem Bildschirm entwickelt hat.

Chang Chen, der im gleichen Jahr in "Brotherhood of Blades 2" zu sehen war, bringt die nötige Intensität mit, die seinen Charakter funktionieren lässt. Er ist nicht grausam und scheint vor allem immer nur Gangster umzubringen, aber es bleibt ein Fakt, dass er ein Auftragsmörder ist. Noch dazu schlägt er Lily ins Gesicht - und dennoch ist er sympathischer als die drogenabhängige Mutter. Zumal er sie schlägt, eben weil sie nur an Drogen denkt und ihren Sohn vernachlässigt. Lange fragt man sich, ob sich aus dem ganzen irgendwann eine Liebesgeschichte entwickeln soll, aber so platt geht Sabu in seinem Drehbuch nicht vor. Vielmehr entspinnt sich ein eigenartiges Band zwischen den zwei und dem Sohn Jun, sodass man sich Gedanken macht, ob daraus eine Familie werden könnte, ohne dass die Liebe zu Lily eine Rolle spielen würde. Tatsächlich ist nämlich Jun das gemeinsame Bindeglied. Ein Kind, das trotz der harschen Bedingungen, unter denen es aufwächst, hilfsbereit und verantwortungsbewusst ist. Nicht nur, dass er Mr. Long in seiner größten Stunde der Not hilft, er greift ihm sogar unter die Arme, als Long gezwungenermaßen einen Imbissstand eröffnet. Unser Profikiller zeigt seine Dankbarkeit zwar nicht und auch sonst keine Emotion, aber der Kleine wächst ihm ganz eindeutig ans Herz.

Nach fast einer Stunde nimmt die Story dann auch noch einmal Lily in den Fokus und zeigt uns, wie sie überhaupt zur Drogensüchtigen geworden ist. Selbstverständlich darf ein tragischer Hintergrund nicht fehlen, aber es wirkt alles sehr natürlich und man nimmt in der Tat einen anderen Standpunkt zur Mutter ein und geht mir ihr nicht mehr so hart ins Gericht. Ohne zu viel verraten zu wollen, gibt es aber letzten Endes doch die eine oder andere Entscheidung, die uns gelinde gesagt einfach nicht mit ihr sympathisieren lassen und das, obwohl sie zeitweise die Liebe zu ihrem Sohn ausleben kann und uns dadurch etwas näherkommt. Als Gegenentwurf zu Lilys und Mr. Longs grausamer Realität gibt es da noch die älteren Nachbarn, die schon fast auf aufdringliche Weise hilfsbereit sind und dem Killer ein Leben abseits blutiger Messerstechereien in Aussicht stellen. Long ist sich jedoch bewusst, welchen Weg er im Leben gewählt hat und dass er von diesem nicht so leicht wieder wegkommt. Darüber hinaus gibt es da noch sein Zielobjekt, das er nicht eliminieren konnte und ihn vielleicht ausfindig machen könnte. Dann hätte er auch seine unschuldigen Nachbarn in Gefahr gebracht.

"Mr. Long" streut hier und da auch sehr trockenen Humor ein, der die melancholische, fast hoffnungslose Stimmung auflockert. Das ist gut so, weil die heruntergekommenen Häuser, in denen außer dem einen oder anderen Junkie niemand wohnt, beinahe endzeitliche Atmosphäre kreieren. Außerdem ist unter der harten Oberfläche auch Wärme zu spüren. Das Ende unterstreicht das noch einmal deutlich und zeigt auch, dass man bei diesem Gangsterdrama nie weiß, was man als nächstes bekommt. Wie gesagt, muss man sich mit ein paar langatmigen Szenen arrangieren können, dafür können dann aber neue Impulse wie Lilys Geschichte wieder Interesse erwecken. Ich war mir über weite Strecken nicht sicher, ob "Mr. Long" empfohlen werden kann, aber das Ende hat nochmal ordentlich punkten können und das war nur möglich, weil gute Vorarbeit geleistet wurde. Wer sich also mit einem ruhigen Drama, das an zwei Stellen mehr oder minder in ein blutiges Massaker ausbricht, anfreunden kann, wird hier auf seine Kosten kommen. Der Film konnte mir am Ende sogar ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Etwas, was ich anfangs bei der düsteren Grundnote nicht erwartet hätte.
