

Story: I-Jing (Nina Ye) ist 9 Jahre alt und kommt mit ihrer Mutter Shu-Fen (Janel Tsai) und älteren Schwester I-Ann (Ma Shih-Yuan) zurück nach Taipeh. Die Mutter eröffnet auf einem Nachtmarkt einen kleinen Imbissstand und versucht so über die Runden zu kommen. Die ältere Schwester I-Ann arbeitet ebenfalls und glaubt, mehr Geld als ihre Mutter verdienen zu können. Sie hat eine lose Beziehung zu ihrem Chef, während Shu-Fen erfährt, dass ihr Ex-Ehemann im Sterben liegt. Obwohl dieser sie vor Jahren im Stich gelassen hatte, besucht sie ihn im Krankenhaus, wofür ihre Tochter kein Verständnis hat. I-Jing hilft immer wieder auch mal ihrer Mutter bei der Arbeit. Als sie bei ihren Großeltern ist, schimpft der Großvater mit der Enkelin, weil diese Linkshänderin ist. Er erzählt ihr, dass das die Hand des Teufels ist. I-Jing nimmt das für bare Münze und als sie anfängt Kleinigkeiten auf dem Nachtmarkt zu klauen, glaubt sie, dass ihre Teufelshand daran schuld ist und nicht sie. Shu-Fen muss sich derweil um das Geld Sorgen machen, da sie Probleme hat, die Miete für ihren Stand zu bezahlen. Johnny (Brando Huang), der auf dem Markt ebenfalls einen Stand hat, möchte ihr aushelfen, aber sie lehnt dies ab. Dennoch kommen die beiden sich ein wenig näher, während sich hauptsächlich I-Ann um die kleine I-Jing kümmert.

Kritik: "Left-Handed Girl" ist einer jener Filme, die auf dem Papier so aussehen, als wären sie für Filmfestival-Besucher gemacht, welche extrem gemächliche Dramen feiern, um sich so ihres eigenen überlegenen Filmgeschmacks zu versichern. Da hätten wir eine dysfunktionale Familie, die mit einer überforderten Mutter beginnt und bei der kleinen Tochter aufhört, die stiehlt, weil es ihr die böse Teufelshand befiehlt. Außerdem ist der Film noch komplett mit einem iPhone gedreht worden - eine wackelige Handkamera gehört schließlich zum guten Ton, will man auf einem Filmfestival Preise einheimsen. Doch auch wenn "Left-Handed Girl" uns als Beobachter lediglich in das "normale" Leben dieser Familie wirft und sogar damit beginnt, dass wir den Alltag aus den Augen der kleinen I-Jing sehen, fühlt sich dieses Drama keineswegs wie ein Art-House-Streifen an. Das liegt vielleicht auch daran, dass das Tempo und der Schnitt sehr flott sind, ist aber auch dem unaufdringlichen und sehr natürlichen Humor zu verdanken.

Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass der Film ebenso wenig versucht, ohne Dialoge auszukommen. Zwar mag die Mutter selbst vielleicht nicht die mitteilsamste Person sein, aber dafür gibt es genug andere Familienmitglieder, die nicht auf den Mund gefallen sind. Beispielsweise die Tochter, bei der man sich nicht sicher ist, in wieweit sie sich bei ihrem Job vielleicht prostituiert - ein Bild, das auch andere von ihr haben, wie sich zeigen soll. Doch sie hat einen ungemein großen Stolz, das offenbart sich in der Art ihres Umgangs mit dem Vater, der im Sterben liegt. Zudem kümmert sie sich um ihre kleine Schwester ungemein fürsorglich, was sie zur wahrscheinlich interessantesten Persönlichkeit im Film macht. Sie verkörpert einige Gegensätze, die jedoch völlig authentisch zusammengefügt wirken. Dasselbe kann aber auch über alle anderen Charaktere gesagt werden. Sogar Johnny hat mehr Ecken und Kanten, als man das bei dieser Nebenrolle des potentiellen neuen Freundes der Mutter erwarten würde.

Am überraschendsten war für mich aber, wie interessiert man an den Geschehnissen auf dem Bildschirm ist. Es passiert auch tatsächlich immer etwas. Ob das nun der Ausweis-Betrug der Großmutter ist, die ständig im Auftrag von und mit anderen ins Ausland fliegt, oder die kleine Tochter, die die Worte ihres Großvaters ernst nimmt und nun glaubt, ihre Hand sei böse. Letzteres ist auch ein Beispiel für die verschiedenen Generationen, die hier aufeinandertreffen. Die Großmutter will ihre Wohnung ihrem einzigen Sohn vermachen, obwohl bereits abgemacht war, dass sie unter den Kindern aufgeteilt wird. Die Töchter gehören eigentlich nicht mehr in die Verantwortung der Mutter, sobald sie verheiratet sind usw. Dieses traditionelle Denken, das auch im modernen Taiwan nicht so leicht aus den Köpfen der Menschen verschwindet, bietet neben der individuellen Geschichte also noch eine weitere Ebene, auf der die Geschichte Interesse erwecken kann. Darüber hinaus schadet es auch nicht, dass es für die Familie immer wieder um die Existenz geht.

Regisseurin Tsou Shih-Ching vermag es gekonnt, immer sehr nah an den Charakteren zu bleiben. Dramen aus Taiwan wie "The Falls" haben bereits gezeigt, dass man hier Art-House-Storys ohne dessen zugehöriges kaltes Flair auf die Leinwand bringen kann, doch Tsou schafft es noch um einiges besser, ein enges emotionales Band zwischen Zuschauer und Charakteren zu knüpfen. Die Dialoge wirken darüber hinaus auch sehr authentisch und transportieren immer mal wieder subtil Situatonskomik, welche die Charaktere noch charismatischer machen. Das ist umso erstaunlicher, da die gesamte porträtierte Familie (und nicht nur die) einige wenig schmeichelhafte Charaktereigenschaften hat. Aber jede dieser Schwächen ist irgendwie nachvollziehbar, sei es die Mutter, die sich um ihren Ex-Mann kümmert, obwohl dieser sie bereits vor Jahren auf Schulden hat sitzen lassen, oder die Tochter, die ihrem Vater nicht verzeihen kann und eine sehr kaltherzige Szene mit ihm im Krankenhaus hat. Obwohl es einige tragische Szenen gibt, ist "Left-Handed Girl" aber generell von einer angenehmen Wärme durchzogen.

Ein wenig Kritik darf am Finale geübt werden, in dem vielleicht auf etwas zu praktische Art alle Fäden zusammenlaufen, sodass wir mit einer theatralischen Klimax konfrontiert werden, die durchaus unterhaltsam ist, aber auch im Kontrast zur sonstigen Authentizität steht. Des Weiteren bekommen wir eine überraschende Wendung, die allerdings tatsächlich immer mal wieder angedeutet wurde; zumindest erkennt man im Nachhinein ein paar der Hinweise, was ziemlich nett ist. Vor allen Dingen wird auf diese Weise noch einmal der Finger in die Wunde(n) gelegt: Wir bekommen hier einen Einblick in das Leben einer Familie, die man auf den ersten Blick vielleicht sogar "asozial" nennen könnte. Doch die Wahrheit ist um einiges komplexer und die Charaktere tatsächlich auf ihre Art liebenswert. "Left-Handed Girl" ist ein Drama, das die nötige Wärme, ein ordentliches Tempo, netten Humor und sehr gut geschriebene Charaktere bietet, sodass ich mich niemals gefragt habe, wann denn endlich der Abspann über den Bildschirm läuft - eher das Gegenteil.
