

Story: Maori Hino (Riko Fukumoto) hat seit einem Unfall vor knapp drei Jahren eine besondere Art des Gedächtnisverlusts. Bis zu dem Unfall kann sie sich an alles erinnern. Seitdem vergisst sie jedoch jeden Tag, den sie erlebt. Jeden Morgen wacht sie auf und muss sich neu orientieren. Dabei hilft ihr ein Tagebuch, in das sie jeden Abend zuvor schreibt. Von ihrer Situation wissen nur ihre Eltern und ihre beste Freundin Izumi (Kotone Furukawa). Eines Tages wird Maori in der Schule von dem Jungen Toru Kamiya (Shunsuke Michieda) angesprochen, ob sie mit ihm ausgehen will. Er fragt sie nur, weil ein paar Klassenkameraden auf seine Kosten Spaß haben wollen und er so einen Freund, der von den Mitschülern gemobbt wird, Frieden verschaffen kann. Maori ist sich über die Umstände nicht im Klaren, weiß aber, dass sein Liebesgeständnis nicht ernst gemeint ist. Sie willigt allerdings ein, da sie denkt, sie sollte trotz ihrer Umstände ihr Leben genießen können. Als sie über die Gründe für das Geständnis erfährt, wäre es ein wenig peinlich, wenn die beiden sich gleich wieder "trennen" würden. Sie spielen also eine Beziehung, Maori stellt aber ein paar Regeln für den Jungen auf. Die folgenden Tage und Wochen verbringen die beiden viel Zeit miteinander und Maori kann dank ihres Tagebuchs den Schein wahren, ein ganz normales Mädchen zu sein. Bis ihr schließlich ein Fehler unterläuft ...

Kritik: Mit klassischen Romantikgeschichten kann ich schlicht nichts anfangen. Ich wüsste auch gar nicht, nach welchen Kriterien ich einen solchen Film aussuchen sollte, denn für mich wirkt es so, als würde jeder die gleichen Klischees bedienen. Kommt aber ein wenig Fantasy oder Science Fiction (oder manchmal auch Humor) hinzu, wird es schon interessanter. Bei "Even if this Love Disappears from the World Tonight" hatte ich gehofft, dass ich ähnliche Originalität wie in "My Tomorrow, Your Yesterday" erwarten durfte, und in dieser Hinsicht wurde ich sowohl enttäuscht als auch bestätigt. Dazu aber später mehr. Der tatsächliche Grund, warum ich diesen Film für den Abend gewählt habe, war allerdings, dass auf Netflix gerade ein Remake aus Korea erschienen ist. Da wollte ich mir dann doch lieber das Original, basierend auf einem Roman von Misaki Ichijo anschauen, zugleich war ich aber auch ein wenig vorgewarnt, in welche Richtung dieser Romantikstreifen gehen könnte. Denn was liebt das koreanische Publikum mehr als alles andere in einer Romantikgeschichte? Richtig, ein wenig Tragik. Genau an diesem Punkt setzt auch meine erste Kritik an, denn einiges ist recht durchschaubar und auch ein paar der Wendungen sind sehr voraussehbar.

Das beginnt schon damit, dass wir die eigentliche Geschichte in einer Rückblende präsentiert bekommen. Angenehm ist dabei, dass der Zuschauer selbst dahinterkommen muss, wie der Film durch die zwei Zeitebenen springt. Zuerst mag man etwas verwundert sein, aber schnell fällt es äußerst leicht, sich zu orientieren, was für die gute Regie spricht. Gleichzeitig tut sich dabei die offensichtliche Frage auf: Warum erinnert sich Maori nicht mehr an Toru? Sie schreibt ja jeden Tag über ihn in ihr Tagebuch und liest dieses jeden Morgen, um sich an ihr Leben der vorigen Tage zu erinnern, auch wenn "erinnern" eigentlich das falsche Wort ist, denn sie kann diese Momente nicht wiedererlangen. Direkt fällt einem auf, dass Maori handschriftlich in ein Tagebuch schreibt, später aber auf einem Laptop ihr Tagebuch führt. Spätestens ab da - und das ist sehr bald in der Geschichte - wird einem klar, welche Richtung die Romanze einschlagen will. Auch in mancherlei anderen Punkten bedient der Film Klischees, einige Szenen sind sogar in dieser oder ähnlicher Form äußerst vertraut. Ob das der Fluch des Genres ist, sei dahingestellt, aber überraschenderweise wird "Even if ..." dadurch kein schlechter Film.

Ein Beispiel für eine mehr als bekannte Szene gefällig? Es gibt eine Szene, in der Maori im Kimono mit Toru bei einem Feuerwerksfest einen schönen Moment teilt, die dritte Regel, die Maori zu Beginn aufstellt, ist, dass sie sich nicht verlieben dürfen und dann ist da noch die große Überraschung, die genau genommen keine ist. Ja, das war dann doch mehr als ein Beispiel, aber das sollte die Erwartungen etwas herunterschrauben, dass man hier durchgehend innovative Genrekost bekommt. Was die Geschichte neben dem Aufhänger aber so faszinierend macht, sind einige Details, die den Charakteren mehr Tiefe geben und erkennen lassen, dass ein Roman als Fundament gedient hat. Toru hat mit einem augenscheinlich verantwortungslosen Vater zu kämpfen, der immer noch nicht über den Tod seiner Frau hinweggekommen ist und Schriftsteller werden will, die Schwester des Protagonisten hat fluchtartig das Elternhaus verlassen, taucht aber in unerwarteterweise wieder auf, und bei Maori bekommen wir immerhin einen kurzen Blick darauf, dass ihre Eltern jeden Morgen das gleiche Gespräch mit ihrer Tochter führen müssen, trotz dieser emotionalen Belastung aber stets geduldig und liebenswürdig sind.

Des Weiteren ist da noch Izumi, die über Maoris Geheimnis im Bilde ist und am Anfang nur eine kleine Rolle zu spielen scheint, im weiteren Verlauf auf natürliche Weise aber immer mehr Raum einnimmt und wichtig für die Entwicklung der Geschichte ist. Die Entscheidungen, die sie treffen muss, sind auch nicht als klein zu bezeichnen und das moralische Dilemma, das immer mal wieder in den Vordergrund gerückt wird, wird erstaunlich umfassend behandelt. Das gleiche gilt für die Frage, ob Maori irgendwann wieder ihre Erinnerungen an Toru erlangen wird oder sich diese weiterhin über Tagebuch und Videoaufnahmen "aneignen" muss. Besonders gegen Ende - natürlich mit einer gehörigen Portion Drama - wird das sehr erwachsen und realistisch aufgegriffen. Das sind die Momente, in denen sich "Even if ..." ganz eindeutig aus dem Kitschmorast herauskämpft und Tiefe gewinnt. Trotz vorhersehbarer Tragik der Wendung, die gar zum Augenverdrehen einlädt, konnte mich das Ende damit ziemlich versöhnlich stimmen. Insgesamt ist Maoris Situation auch schlichtweg ungewöhnlich und führt zu ein paar lustigen oder auch beängstigenden Momenten. Die Darsteller können ihren Teil beitragen, sodass wir uns für die einzelnen Individuen erwärmen können, auch wenn bei der Charakterzeichnung noch ein klein wenig mehr Tiefe möglich gewesen wäre.

Es gibt noch viele kleine Probleme, die mich gestört haben: Toru plaudert sogleich aus, was eigentlich ein Geheimnis sein soll und auch generell ist man sehr unvorsichtig mit der Geheimhaltung von Maoris Situation. Das wirkt nicht realistisch und scheint auf unbeholfene Weise zu bestimmten Entwicklungen beitragen zu wollen. Darüber hinaus fragt man sich auch, wie Maori bestimmte Momente des Alltags bewältigt. Wie kommt sie zum Beispiel in der Schule zurecht oder will ihren Abschluss schaffen? Es gibt noch etlich weitere Fragen, aber die Probleme werden bei Weitem durch eine interessante Geschichte, schöne Momente und eine sichere Regie von Takahiro Miki aufgewogen, der mit "Drawing Closer" schon bewiesen hat, dass er Kitsch transportieren kann, ohne dass es unerträglich wird, und er dabei noch Platz für ernste Momente und Gefühle lassen kann. Zudem schaltet er auf dem Kitschbarometer im Vergleich einen Gang zurück. "Even if ..." konnte mich schlussendlich durch seine Geschichte und einige faszinierende Fragen, die man sich unweigerlich stellt, überzeugen und ließ mich damit über das vorhersehbare Drama hinwegsehen.
