

Story: Es ist das Jahr 1912 und Tianjin hat sich durch den Kontakt mit dem Westen stark verändert. Nach wie vor gibt es aber Kampfkunstschulen, die in ihrem näheren Umkreis für Recht und Ordnung sorgen. Eine dieser Schulen wird von einem alten Meister geleitet, der nun einen Nachfolger sucht. Nach seinen Wünschen soll dies sein Vorzeigeschüler Qi Quan (Andy On) werden, aber Qi wird von Shen An (Jacky Heung), dem Sohn des Meisters, herausgefordert, nachdem dieser nach langer Zeit wieder in der Schule vorbeischaut. Qi kann siegen, doch der Meister stirbt plötzlich. Nun ist für den Rat der Schule klar, wer der Nachfolger werden soll: Qi Quan. Damit hat Shen An aber ein großes Problem und so macht er immer wieder Ärger und versucht Qi zu einem weiteren Duell herauszufordern. Als dann die Vorsitzende des Rats auf der Straße erschossen wird, stellt sich die Frage, welche Partei dafür verantwortlich ist. Qi will nämlich immer mehr Schüler von außen holen, auch Westler, was nicht bei allen im Rat Gefallen findet, während sich Shen seinen rechtmäßigen Platz erkämpfen will. Schließlich einigt man sich auf ein weiteres Duell, aber sowohl Qi als auch Shen haben von einer geheimen Waffentechnik des Meisters gehört, die ihr Gegner ihrer Meinung nach heimlich gelernt haben könnte. Die beiden suchen daher Gui Ying (Tang Shiyi) auf, die jene Technik einst vom Meister der Schule gelernt haben soll. Xia ist aber nicht sehr hilfsbereit ...

Kritik: Das Tianjin der 1910er Jahre ist nicht unbedingt meine Lieblingszeit für Kung Fu-Filme, vielleicht da der starke Kontakt mit dem Westen die chinesische Kultur etwas verwässert und es im Kern zumeist um genau diesen kulturellen Kontakt und korrupte Chinesen geht, hinter denen dann ein noch böserer Westler steht. Aber ein vorhersehbarer Plot muss kein großer Nachteil sein, falls denn die Action stimmt. Überraschenderweise ist "100 Yards" storytechnisch aber ganz anders gestrickt. Es gibt zwei Protagonisten, die in Konkurrenz zueinander stehen und beide die gleiche Schule anführen wollen. Den Reiz der Geschichte macht dabei aus, dass wir einen klaren Bösewicht nur schwer ausmachen können. Beide Charaktere haben ihre Träume und Wünsche und handeln dementsprechend - zuweilen auch auf ziemlich rücksichtslose Art und Weise. Damit pendelt die Krone desjenigen, der unsere Sympathien verdient, zu Beginn stark von Kopf zu Kopf, bis uns klar wird, dass wir uns damit arrangieren müssen, zwei Personen vor uns zu haben, die beide ihre Schwächen und unangenehmen Seiten haben. Das kann wirklich gefallen, jedoch hat der Film auf anderer Ebene Mängel, die ihn für mich persönlich einfach nicht haben funktionieren lassen.

Bleiben wir kurz bei den Charakteren. Andy On ("Blind War") ist ohne Frage ein Actionstar, der auf seinem Gebiet abliefern kann. Er hat auch in "100 Yards" das meiste Charisma, doch abgesehen vom Lob, dass er vom Drehbuch mit einem moralisch ambivalenten Charakter versorgt wird, fehlt es seiner Figur an echter Tiefe. Qi Quans Beziehung zu Gui Ying - Darstellerin Tang Shiyi stiehlt in ihren Szenen sogar manchmal den anderen die Schau und kann auch auf Actionebene überzeugen - ist vielversprechend und lässt ein paar gute Ideen durchscheinen, wird letzten Endes aber nicht ausreichend genutzt, um den Charakteren mehr Schichten zu verleihen. Jacky Heung stellt als zweiter und zum Ende hin eigentlicher Protagonist das wirkliche Problem dar. Er kann nicht das nötige Charisma bzw. die Leinwandpräsenz an den Tag legen, die nötig wäre, um die Geschichte zu tragen. Vielleicht ist daran aber teilweise auch das Drehbuch schuld, denn seine Person hat wie genau genommen die gesamte Story ein paar Eigentümlichkeiten, die für mich nicht funktioniert haben.

Die Balance zwischen den Parteien der Unterwelt, Schulen, die für Recht und Ordnung sorgen, Meister, die verraten werden - es gibt genug Material, das Vertrautheit hervorruft und einen zunächst in den Film hineinzieht. Doch dieses Kung Fu-Drama wartet darüber hinaus mit noch einigen Besonderheiten auf, die von jedem Zuschauer selbst bewertet werden müssen, ob sie ihm gefallen. Da wäre nämlich vor allem der Ton von "100 Yards". Die Sets sind manchmal recht bunt, dann wiederum hängen am Himmel aber graue Wolken. Es ist beinahe so, als hätten sich die Regisseure nicht zwischen Heiterkeit und Tristheit entscheiden können. Und das lässt sich auch auf die Wahl des Genres übertragen. Denn für mich war nicht immer klar, ob wir hier eine Komödie oder ein Drama haben. Es gibt einfach ein paar äußerst absurde Szenen, die für mich nur wenig Sinn ergeben haben, auch wenn das unter Umständen genau so intendiert war. So kommt irgendwann Shen Ans (Ex-)Freundin auf einem Fahrrad vorbei - als Postbotin gekleidet - und holt Shen aus einer Schlägerei heraus. Warum die Schläger sie gewähren lassen? Weil sich niemand mit der Post anlegt! Es mag mehr Hintergrundinformationen geben, die das nicht ganz so lächerlich wirken lassen, aber es bleibt einer der vielen eigenartigen Momente.

Ernsthaft gestört haben mich jedoch die Szenen, in denen die Charaktere sich verhalten, als wäre man in einem Kindergarten. Dem müssen vielleicht ein paar Worte zur Regie des Films vorgeschaltet werden. Xu Haofeng und Xu Junfeng lieben es, in einer Szene mit der Kamera über den Platz zu schweben und von einem Gesicht zum nächsten zu gehen. Das sorgt für Momente, in denen jemand erst einmal wartet, bis die Kamera auf seinem Gesicht verweilt, bis er anfängt zu reden. Auch an anderen Stellen kommt es zu Szenen, die an ein Theaterstück erinnern und mit einem Schauspiel aufwarten, das an eben jenes Medium erinnert. Und das nicht im Positiven. So fällt jemand theatralisch zu Boden, der eine oder andere steht etwas unbeholfen herum usw. Jene Augenblicke lassen manches unfreiwillig komisch wirken beziehungsweise man fragt sich, ob gar eine Komödie beabsichtigt war. Aber dann greifen eben die einzelnen Teile des Films nicht gut ineinander. Es wird richtiggehend frustrierend, wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass manche Bilder so wirken, als würde man Art-House-Kino kreieren wollen. Das beinhaltet leider auch das unrealistische Verhalten so einiger Personen. Man versucht also dahinter etwas Großartiges zu interpretieren, steht aber am Ende mit leeren Händen da.

Es gibt auch bei der Musik einige Eigenheiten. Zumeist hören wir einen von Western inspirierten Soundtrack, dann kommen noch Melodien hinzu, die besser in einen Horrorfilm passen würden, und angereichert wird das Ganze noch mit einer ordentlichen Portion Jazz. Diesbezüglich gibt es eine weitere irritierende Szene auf einer Party, wo wir im Hintergrund ein Orchester spielen sehen und folglich vermuten, die Musik, die wir hören, stamme von ihr. Stilistisch passt diese aber überhaupt nicht dazu, zudem hören wir einige Instrumente, die es in dem Orchester gar nicht gibt! Beim Sounddesign hat man sich auch einige eigentümliche Freiheiten genommen. Manchmal hört man ein langgezogenes Geräusch, als würde ein E-Auto vorbeifahren - was auch immer das bedeuten soll. Ok, natürlich gibt es auch einiges an Kung Fu und damit meine ich wirklich einiges. Zahlreiche Kämpfe sind ansprechend über den Film verteilt und auch technisch sauber umgesetzt. Sie konnten mich trotzdem nicht wirklich umhauen, aber sie sind das, was "100 Yards" nach all der Kritik für Kung Fu Enthusiasten doch noch interessant machen könnte. Bei mir konnte die Atmosphäre, die einfach nicht weiß, wo sie sich verorten will, aber nicht punkten, weshalb ich keine Empfehlung aussprechen kann.
